Eine Kooperationsveranstaltung des Lateinamerika-Forums Berlin e.V. und der Freunde des Ibero-amerikanischen Instituts Preußischer Kulturbesitz am 19. April 2016

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Dill-Vargas-Llosa

Hans-Otto Dill würdigt das Werk von Vargas-Llosa (Foto: ©Würtele)

„Vom sagenhaften Boom lateinamerikanischer Schriftsteller, die in den 60-er und 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Literatur des Subkontinents zur führenden Strömung der damaligen Weltliteratur erhoben, ist nach dem Tode von García Márquez und Fuentes nur mehr ihr Jüngster, Mario Vargas Llosa, Jahrgang 1936, übriggeblieben. Er war mit dem Debütwerk Die Stadt und die Hunde (1962) und dem Roman Das grüne Haus (1965) Mitbegründer des Neuen Romans oder booms mit so notablen Leuten wie Julio Cortázar, Alejo Carpentier, Carlos Fuentes, Juan Rulfo, José Lezama Lima, Juan Carlos Onetti, und, als Gast, der weit ältere Jorge Luis Borges. Die sind nun alle tot, doch überlebt der boom mit MVLl als nunmehr alleinigem Akteur unerschütterlich alle Neuerungen. Er ist der altgewordene Neue Roman. Mit einem Dutzend Romanen, vielen Erzählungen, einigen Dramen und einem dicken Band Essays, mit seinen über halben Hundert Buchtiteln und einigen tausend Zeitungsartikeln ist er ein Phänomen an Schaffenskraft. Es geht ja nicht allein ums Fabulieren und Schreiben, auch um Stoffsuche, Lektüre vom Sekundärliteratur, Studium der Kontexte.

Ein solch beinah monströses Werk schaffen geht nur bei völliger persönlicher Hingabe an die Literatur. Er bekannte sich geradezu emphatisch zum Schreiben als Passion, Quell geistiger Wollust, als Die ewige Orgie, wie er sein dicken Buch über Gustave Flauberts Emma Bovary betitelte. Schreiben als Suite von Orgasmen. Leben als Schreiben heißt Schreiben bis ans Lebensende. Sein Kommentar nach Erhalt des Nobelpreises 2010: „Ich werde mit der Feder in der Hand sterben.“ Ist Leben für ihn Literatur, so Literatur umgekehrt Leben, das wirkliche, das er ganz altmodisch realistisch im wahrsten Wortsinn „be“schreibt. Das heißt auch: „vom Schreiben leben“ als Berufsschriftsteller in einem halbanalphabetischen Kontinent und daher für weltweiten Export als Bestsellerverfasser für Eliteleser wie Thomas Mann und marktgängiger Trivialautor wie sein Liebling Alexandre Dumas.

Die Nueva Novela betrachtete sich als die erste lateinamerikanische Romanliteratur. Seit der sogenannten Entdeckung gab es in Lateinamerika zwar viele Schriftsteller: die waren aber keine Lateinamerikaner, sondern Peruaner, Argentinier, Mexikaner, und wenn hoch kam, Hispano-Mestizen oder authentische Indios. Die wussten nicht einmal, dass sie latinos waren. Der boom aber war erster großer Ausdruck supranationaler, subkontinentaler und daher lateinamerikanischer, nicht schlechthin nationaler Kultur. Die geläufige Bezeichnung „Kosmopolit aus Peru“ für Vargas Llosa ist unzutreffend: als Literat ist er kein Peruaner, sondern Iberoamerikaner.

Die von den boomistas erfundene lateinamerikanische Identität beruhte auf kontinentalen Verwandtschaften: iberische Sprache und Kultur, Präsenz von Indigenen und Afroamerikanern, Mestizen und Mulatten, war also total disparat. MVLl war der Peruaner in dieser buntgemischten Truppe, der noch ein bis zwei Argentinier, Kolumbianer, Mexikaner, Kubaner, Uruguayer angehörten. Statt der nationalistischen, europäisierenden, bourgeoisen Kultur stellten sie als ihr Alleinstellungsmerkmal den magisch-mythologischen Charakter der einheimischen Überlieferungen und einheimischen Denkens heraus. Magie und Mythos, also die religiös-kultische oft zur Folklore degenerierte Volkskultur der Indios, Afros und von ihnen infizierter Euro-Latinos sahen sie als Konterpart zum abendländisch-kolonialistischen, rationalistischen Diskurs. Carpentier und García Márquez operierten explizit und ständig mit der Gegenüberstellung okzidentaler Rationalismus versus lateinamerikanische Magie, welch letztere sich literarisch als magischer Realismus gerierte.

Der erste Dissenz von MVLl L und sein eigener Weg zur Literatur

Auf diesem Gegensatz lateinamerikanischer Irrationalismus vs. okzidentaler Cartesianismus gründete der erste Dissenz zwischen MVLl und den übrigen Boomisten, die erste der vielen „Kehren“ in seiner Biographie. Als überzeugter Anhänger des magischen Realismus schrieb er eine überschwengliche Lobpreisung von García Márquez´ Roman Hundert Jahre Einsamkeit, eine dickleibige Dissertation, mit der er an der Madrider Universität promoviert wurde. Erste Werke wie Das Grüne Haus (1966) spiegeln auch magische Realitätssichten. Doch bald verließ er den Inkapfad, zumal er keine persönlichen Beziehungen zu indigener Kultur, Ambiente und Lebensweise entwickelt hatte, und lief mit fliegenden Fahnen zum okzidentalen Rationalismus über. In seinem Nachwort zu einem Hauptwerk des magischen Realismus, Carpentiers El reino de este mundo, erwähnt er ausgerechnet den darin praktizierten und rheoretisch begründeten magischen Realismus mit keinem Wort, auch nicht die magischen, auf gut deutsch gesagt abergläubischen Vorstellungen der Haitier, von denen dies Buch geradezu wimmelt. Stattdessen stöberte er die rein formalen Strukturbeziehungen zwischen Metaphern, Metonymien, Synecdochen und Symbole in diesem Caerpentiertext etc. auf. Von Magie, von der das Buch geradezu trieft, kein Sterbenswörtchen. Mit diesem Adios an mythisierendes Schreiben begann seine Distanznahme zu Kuba und zur dortigen Casa de las Américas, bedeutendste Förderinstanz und treueste Anhängerin des real maravilloso.

Vargas LLosa war bedingungsloser Anhänger des Fidelismus gewesen, hatte auf dem Santiagoer Schriftsteller-Kongress am lautesten zur Solidarisierung mit den kubanischen Revolutionären gerufen, mit Fuentes und Donoso den kubanischen Erfinder des magischen Realismus, den eher zurückhaltenden Alejo Carpentier mit dem Vorschlag genervt, statt seines angekündigten Vortrags über afrokubanische Lyrik doch lieber über den Antiimperialismus der barbudos zu dissertieren.

Nun aber folgte der schnelle Abschied von alleer Magie, statt welcher er seine Jugenderfahrungen aus der scheusslichen Welt der Militärs als Zögling der Limaer Kadettenanstalt reaktivierte. In La ciudad y los Perros, ein Roman, der weder mit Hunden noch mit magischen Indios zu tun hat, denuncierte er mutig die sadistische Herrschafts- und faschistoide Erziehungspraxis in den Kasernen. Die war dem österreich-preußischen Drill sehr ähnlich, Parallelen zum berühmten Kadettenanstaltsroman Der Schüler Törless des Wieners Robert Musil sind offensichtlich. Die Militärs ließen die Exemplare von Die Stadt und die Hunde öffentlich in Lima verbrennen, so gut hatte MVLl ihren Ungeist getroffen.

Diese Erzählung weist voraus auf sein späteres Hauptthemas: Autoritarismus und Diktatur, deren notorische Affinität mit Militarismus Lateinamerika den Ruf des Kontinents der Militärdiktaturen verschaffte.

Wie stark ihn seit den unguten Schülererfahrungen das Militärthema beschäftigte, zeigt sehr lustig Pantaleón y las visitadoras (Pantaleón und die Besucherinnen, 1973), ein Roman, in dem er wie in Das Fest des Ziegenbocks später, im Jahre 2000, aber mit Scherz, Ironie, Satire und hohnlachendem Götterhumor, die Uniformträger verspottet. Der frischgebackene Hauptmann Pantaleón erhält dienstlichen Befehl, zwecks Verhinderung politischer und sexueller Kalamitäten als Folge erzwungener Abstinenz der im einsamen Amazonien stationierten Soldaten ein Urwald-Bordell in Kasernenstil zu errichten. Die angeworbenen Prostituierten müssen soldatisch in Reih und Glied zu ihrer Arbeit an der Truppe antreten, lautes Schwatzen beim Anstehen ist untersagt. Die geforderte soldatische Disziplin dieser weiblichen Honorarkräfte bringt gut der leider falsche, aber zutreffende deutsche Titel Der Hauptmann und sein Frauenbataillon zum Ausdruck. Umwerfend komisch die die konkrete Arbeit dieser Bediensteten am Mann reglementierenden Anweisungen im Befehlston mit bürokratischem Duktus und peruanischem Patriotismus.

Darin mengt Vargas Llosas seinen Antimilitarismus mit seiner Aversion gegen Fidel Castros Autoritarismus, der ihn an seine Erfahrungen in der Kadettenanstalt erinnerte. Er kündigte den Kubanern seine Gefolgschaft mit geradezu klirrender Schärfe auf, als diese nicht einsehen wollten, dass Fidel nicht nur die magische Realismus-Folklore Lateinamerikas förderte, sondern drakonisch mit Zentralismus und Bürokratismus regierte. Diese politische Absage an Kuba war nach der kulturellen die zweite große Kehre in seiner Zickzack-Vita. In schärfster Auseinandersetzung mit den nunmehrigen Erzfeinden, seinen Exgefährten im Land der Literatur auf dem New Yorker PEN-Kongress attackierte er den von Günter Grass assistierten García Márquez rüde als Hure Castros.

In den folgenden Jahren erweiterte MVLL seine literarische Themenskala erheblich, schrieb Liebes- und Eheromane mit autobiographischem Erfahrungswissen aus seiner baldigst wieder geschiedenen Ehe mit seiner Tante und versuchte sich im humoristischen und erotischen Genre. Ideologisch zog er eine scharfe Trennungslinie zu den Linken mitsamt ihren sozialpolitischen Utopien, auf seine intensiven Marx-Lektüren folgten die neoliberalen Denker mit ihren Marktwirtschaftstheorien, allen voran Friedrich August von Hayek und Sir Karl Raimund Popper mitsamt Lady Thatcher, alle drei nicht nur Gegner von Sozialismus, Kommunismus und Sozialdemokratie, sondern jedweden sozialen Denkens, jeder Spur von Sozialpolitik, weshalb Hayeks Schüler, die Chicago Boys, angeblich Allende stürzten, um ungetrübt von Gesetzesschranken den Neoliberalismus jüngster Bauart experimentell zu studieren und zu implementieren.

Damit nicht genug: MVLl wurde bei anstehenden Wahlen in Peru Präsidentschaftskandidat des Unternehmerverbandes. Seinen Gesinnungsgenossen von einst fielen geradezu die Augen aus dem Kopf, als sie diesen seinen allerneuesten Streich in der TV mit ansehen mussten. Er verlor die Wahlen an den nachmaligen Diktator Fujimori, der später lange Gefängnisjahre absaß wegen der unter seiner Anleitung generalisierten Korruption. Es war eben eine Illusion, ohne eine gefestigte und numerisch zahlreiche Kapitalistenklasse, die in den USA und Westeuropa seit einigen Jahrhunderten existierte, eine Modernisierung und Demokratisierung von Politik, Wirtschaft und Kultur durchzusetzen. Vargas Llosas Übertritt zum Unternehmertum diktierte ihm seine rationalistische Einsicht, dass alle Versuche, Lateinamerika mittels nichtkapitalistischer Entwicklung in eine moderne Gesellschaft auf Augenhöhe mit dem Westen zu verwandeln, bisher dramatisch scheiterten, von der Sklavenrevolution auf Haiti 1792 über die mexikanische Revolution 1917 bis zur kubanischen von 1959, eine Skepsis, die seine letzten drei großen Romane widerspiegeln, deren Protagonisten allesamt mit Weltverbesserungsideen scheitern.

La guerra del fin del mundo (1981) schließt mit dem martialischem Titel an seine frühen Antimilitaria an, nur sind es nicht mehr pubertäre Gymnasiasten- und Fähnrichserlebnisse, sondern blutiger Ernst, ein veritabler Krieg am Rande der Welt mit abschließenden Massengräbern und Häuserruinen, den moderne Berufssoldaten gegen miserabel bewaffnete Zivilisten im brasilianischen Sertão führten – und ruhmlos gewannen. Sie kamen, nicht um einen „Aufstand“, wie manchmal zu lesen ist, sondern einen Aufruhr zehntausender Bewohner der Siedlung Canudos zu unterdrücken, das heißt mit Feuerwaffen und schwerem Geschütz, einer extra aus Deutschland importierten Dicken Berta aus den Kruppschen Kanonenfabriken, niederzukartätschen. Sie verübten ein regelrechtes Massaker wie einst die Conquistadoren, die die gesamte indigene Bevölkerung der Karibik, wie es Bischof Bartolomé de las Casas in seiner Reportage Brevísima relación de la destrucción de las Indias schildert, ausrotteten, oder wie die 30 000 Füsiliere Napoleons, die blindwütig in mörderischer Paradoxie die befreiten schwarzen Bewohner der Ex-Kolonie Haiti in die Sklaverei zurück zwingen wollten. Den Einsatz hatte die republikanische Regierung, die gerade erst Monarchie und Sklaverei abgeschafft hatte, befohlen und ein Armeekorps entsandt, um die Bewohner von Canudos zur Raison zu bringen, die infolge de ungünstigen Meteorologie in knochendürrer Gegend dem Verhungern nahe waren und Frieden gegeben hätten, so man ihnen Brot statt Soldaten geschickt hätte. In ihrer misslichen sozialökonomischen Lage und kraft ihres magisch-mythischen Wunderglaubens verfielen sie dem fanatischen religiösen Schwärmer Antonio Conselheiro, der sich zu ihrem geistlichen und militärischem Anführer aufschwang, wie ein Heiliger verehrt wurde und sie ins Unglück stürzte, als er in Christi Namen gegen die Obrigkeit rebellierte. Die Gegensätze eskalierten zum unerklärten Bürgerkrieg, den natürlich die modern bewaffneten, gut ausgebildeten Regierungssoldaten gegen die armseligen Widerständler gewannen, die sie massakrierten und deren Häuser sie in Schutt und Asche legten.

Dieser Geschichte kam Vargas Llosa anhand des Buches Os Sertões von Euclides da Cunha auf die Spur, eines militärakademisch ausgebildeten Ingenieurs und Journalisten, der den Krieg, an dem er aktiv teilgenommen hatte, in seiner Großreportage, in der er sich der sozialen Notlage und ethischen Motive der sertanejos (den Bewohner/innen des Sertão) bewusst wurde, und als moralische Wiedergutmachung als Chronik niederschrieb. Aus dieser entwickelte Vargas Llosa den Roman Der Krieg am Ende der Welt, in dem er als Ursache des Konflikts die soziale wie ethnokulturelle Spaltung, besser gesagt Zweiteilung der lateinamerikanischen Gesellschaft begriff. In Verhalten, Mentalität und Sprache der sertanejos erkannte er die kreolische Variante des Mythenglaubens der Indigenen in ihrer steinzeitlich-archaischen Mischung aus Rückständigkeit und Unbildung (Schmitt), die er schon in Der Geschichtenerzähler und Tod in den Anden literarisiert hatte, diesem wie er sagte lebendigen Canudos.

Auf die Leserfrage, warum er den Stoff nach da Cunha zum zweitenmal aufgreife, verwies er auf seine Fiktionalisierung der Geschichte im Gegensatz zu Da Cunhas reportagehafter Dokumentation – mit diesem Argument wies er auch José Saramagos Plagiats-Vorwurf zurück. Aber hier ging es um mehr als um formale Verwandlung einer Reportage in einen Roman mittels romanesker Handlung, literarischem Stils, erfundenen Protagonisten und deren Ausstattung mit moralischen, kognitiven und sozialökonomischen Eigenschaften. Vargas Llosa drehte vielmehr den Text um, machte aus der Horizontale die Vertikale und änderte damit radikal die Erzählperspektive des Soldaten Da Cunha mit Fokus auf das Militär zugunsten der Bewohner von Canudos. Dadurch wurden diese zum entscheidenden Romanpersonal, zu Hauptprotagonisten. Der Roman setzt folglich nicht mit dem Eintreffen der Regierungstruppen ein, sondern mit der Vorstellung der armen Belagerten mit dem Conselheiro an der Spitze:

Schon auf den ersten Seiten (…) schildert Vargas Llosa in der Landschaft des Sertao und ihrer nach Wunder und Heiligkeit dürstenden Menschen die Gestalt des Antonio Consejero. … Der Realist Vargas Llosa spinnt sich erzählend … in die Welt der Canudos-Menschen hinein, in ihre Motive, Gefühle, Handlungen“:

so charakterisiert sein Biograph Hans-Jürgen Schmitt (123) die Introduktion, die eben keine Soldaten, sondern Einwohner von Canudos vorstellt. Damit rückt er statt der Militaria deren Psyche, Denken, Mentalität, ihr soziales Sein in den Mittelpunkt.

Was er macht, ist den Versuch dieser Leute darzustellen, ein ausbeutungsfreies Reich zur Befriedigung ihres elementarsten Bedürfnisses, die Stillung ihres Hungers, zu errichten. Vargas Llosa beschreibt mit sozialkritischer Intention die subhumane Existenz der Armen Brasiliens als fast selbstverständlich ertragenes Unrecht.

Das ist nicht alles: er erinnert eindringlich an das Massaker, dem die Männer von Canudos mit Weibern und Kindern zum Opfer fielen. entreißt es der Vergessenheit. Heute heißt das „Erinnerungskultur“, die MVLl angesichts des langen Stillschweigens der damals wie heute zur Tagesordnung übergehenden Politiker und der Öffentlichkeit praktizierte. Diesen Aspekt haben zu ihrer Schande die meisten Literaturkritiker und -wissenschaftler übersehen, in meiner lateinamerikanischen Literaturgeschichte reduzierte das Buch auf die „Gewißheit von der Vergeblichheit jeglicher revolutionärer Veränderung“. Euclides da Cunha war der einzige biblische Gerechte im Ensemble der Gleichgültigen, dessen Bericht sich MVLl vorbehaltlos anschloß, bei gleichzeitigen journalistischen Tiraden gegen die Tendenzliteratur von Linken und Castristen. Seit Las Casas´ Bericht über die Verwüstung der indischen Lande, den Ethnizid der Spanier unter den Indios der Karibik aus dem Jahre 1552 ist, mit Ausnahme der Beschreibung der Massaker der Kreuzfahrer unter den Mohammedanern Jerusalems durch Voltaire, nicht mehr dergleichen publiziert worden.

Die Verwandlung einer Reportage in einen Roman als Dokumentation aus zweiter Hand verrät die Meisterschaft des Routiniers. Allerdings wirkt auf mich der naive Bericht von Euclides da Cunha eindrucksvoller als MVLls hochartifizielle Nachgeburt. Als er ein halbes Jahrhundert später Canudos inszenierte, fragte ich mich.: warum, wenn doch dieser Krieg samt originalen Details schon einmal beschrieben worden war? Aber es ging ihm um ganz andere Beträge und überhaupt um eine grundsätzlich andere Darstellung, Thematisierung und Tendenz als Euclides da Cunha, um ein wirklich ganz anderes Buch, schon allein infolge Verwandlung des Dokumentbarerichts in einen Roman. Da Cunha kannte als Zeit- und Tatzeuge auf Seiten der Regierungstruppen stehend gut die Motivationen, Aktivitäten und Dispute der Angreifer, aber aus seiner eigenen Erfahrung konnte er höchstens Vermutungen über die Vorgänge im Lager der ihm unbekannten Belagerten anstellen, nur die eine Seite der Kriegsparteien und damit nur im wahrsten Sinne des Wortes „einseitig“ über die Personen und Geschehnisse aussagen, während der Romancier Vargas Llosa vorzüglich die andere Seite, die Menschen aus Canudos, dank des Freibriefes der Fiktion von innen und außen darstellte, wie sie wahrscheinlich dachten, redeten und handelten entsprechend ihrer Glauben als Christen und ihrem Aberglauben als Ungebildete. Ich würde zu sagen wagen, dass Vargas Llosa so etwas wie unausgesprochenes Mitgefühl, fast Solidarität mit den verzweifelten Unterprivilegierten antrieb – bei emotionaler Distanz zu den Armeemenschen. Da Cunhas Urtext behandelte er als Wahrheitsgarantie, doch ist der Dokumentcharakter dieser Realitätsanbindung problematisch von wegen der Unsicherheit dieser halbliterarischen Vermutungen, die nicht das Gebot des preußischen Historikers Ranke erfüllen, zu schildern „wie es wirklich gewesen ist“. Das dubiose Prinzip, halbliterarische wie wirkliche Quellendokumente zu behandeln, regiert auch die beiden nachfolgenden Romane. Vor diesem psychosozialen Hintergrund muss man seine beiden anderen historischen Romane lesen:

Die soziale Tönung mancher Texte, die sein polemisches Bekenntnis zum Neoliberalismus konterkariert, verstärkt sich in El paraíso era en la otra esquina (19, einem Doppelroman, dessen erster Teil die Nachschrift eines autobiographischen Textoriginals ist, der Peregrinaciones de una paria der Peruano-Französin Flora Tristán von 1840, die in MLLs Visier durch „Avant y après“, die Memoiren ihres Enkels, des Malers Paul Gauguin, geriet, die zu verschiedenen Zeiten lebten und sich nicht kannten. Die Lebensgeschichte des bekennenden Bohémien und Anarchisten Gauguin, der in die Südsee reist und dort bleibt, um der dekadent-verderbten europäischen Zivilisation dahin zu entfliehen, wo es noch unverdorbene,a uthentische Menschen gibt, steht im vom Autor kontrapunktisch herausgearbeiteten Gegensatz zum unternehmerischen Leben der Frühsozialistin Flora, die nach Peru, woher ihre Familie stammt, reist, um dort mittels Verwandter ihr Glück zu machen, aber auch mit dem utopischen Wunsch, die Heimat von MVLl, in den europäischen Fortschritt zu reißen. MVLl kontrastiert abwechselnd und kräftig Großmutter und Enkel als total verschiedene Menschentypen, ihn als willenlosen Schwächling, der allmählich im Alkohol verdämmernd seine Persona verliert, sie als willensstarke und tatendurstige, selbständige, sich avant la lettre emanzipierende Frau.

Auch hier verwendet er als quasi-dokumentarische Grundlage seiner Fiktion einen halbliterarischen Prätext, Floras Autobiographie Peregrinaciones de una paria, ein Titel, der von ihrem sozialen Stand und ihrem sozialpolitischen Programm kündet. Flora beschrieb darin ihr Leben in Peru und Frankreich und lieferte so ein Vordokument für MVLl, das stark mit dessen gleichzeitigen antikommunistischen bzw. anticastristischen Tiraden kollidiert. Er verwandelte diesen Prätext in eine Romanbiographie, weshalb er u.a. den in Ichform verfassten Originaltext in die 3. Person singular umschreibt. Zum Vergleich beide Anfänge: Sie beginnt mit einem kecken, provokatorischen Gruß an die peruanischen Landsleute, zudem ein toller Text:

He creído que de mi relato podría resultar algún beneficio para vosotros…. Sin duda os sorprenderá que una persona que emplea tan escasos epítetos laudatorios al hablar de vosotros. .. Hay pueblos que se asemejan a ciertos individuos:mientras menos avanzados están. más susceptibles (son) en su amor propio. Aquellos de vosotros que lean mi relación sentirán primero animosidad contra mí y sólo después de un esfuerzo de filosofía algunos me harán justicia.

Vargas Llosa führt ihre Selbstpräsentation mit folgendem ihre Willensstärke und ihr weltverbesserisches Programm verkünden sollenden Monolog ebenfalls in erster Person singularis noch vor dem Aufstehen vor: Um vier Uhr morgens schlug sie die Augen auf und dachte „Heute fängst du an, die Welt zu verändern, Florita.“ Die Aussicht, ihren Plan in Angriff zu nehmen und den Mechanismus in Gang zu setzen, der die Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen und die Menschheit verwandeln würde, erdrückte sie nicht. Sie fühlte sich ruhig, spürte Kraft genug, um den Hindernissen zu trotzen, die sich ihr in den Weg stellen würden,. auf Erden „natürlich“ zu leben.

Wieder einmal eine Kehre von MVLL um 180 Grad, die ihn fast bis an die Schwelle des Marxismus zurückführt, von dem er einst mit fliegenden Fahnen Abschied genommen hatte, um zur reinen Marktwirtschaftslehre Poppers und Hayeks überzugehen. Natürlich empört sie in erster Linie die inferiore Lage der Frau.

MVLl wiederholt Floras Vorsatz, eine Internationale Arbeiterassoziation zu schaffen, und das wenige Jahre bevor Karl Marx, den sie übrigens im weiteren Text kurz incognito begegnet, die ihrem Sozialprojekt durchaus ähnliche „Internationale“ gründet. MVLl begleitet ihre Propagandareisen durch Frankreich für die Gründung solcher Arbeiterzellen, wobei weder die lesbische Variante noch die Forderung nach gleicher Entlohnung für gleiche Arbeit der Frauen fehlt, die nebenbei gesagt auch im heutigen Postwendedeutschland nicht durchgesetzt ist. Sie reist meist erfolglos mit ihrem propagandistischen Manifest für l´Union Ouvrière von Ort zu Ort. herum; in einer vom Autor zitierten Tagebuchnotiz vom 12. April 1844 will sie das Recht auf Arbeit zum Gesetz erheben, ihre saint-simonistische Utopie, die wir bis heute nicht verwirklichen wollen. Kennte man nicht Vargas Llosas sprichwörtlichen Antikommunismus, hielte man ihn für einen sozialistischen Autor des 19. Jahrhunderts aus der Ecke der Junghegelianer.

Einen ganz anderen Typ Weltverbesserer porträtiert Vargas Llosa in seinem bislang letzten umfänglichen historischen Roman Der Traum des Kelten (2011). Der Kelte ist ein Ire. Der Protagonist scheitert ebenfalls wie der Conselheiro und wie Flora selbst unter Preisgabe seines Lebens mit seinen Visionen einer von Kolonialismus und nationaler Unterdrückung freien Welt. Auch diese vita beschreibt Vargas Llosa anhand vorliegender Prätexte, meist authentischer Dokumente: die Tagebücher und Briefe des Iren, Gerichtsdokumente von Untersuchungsverfahren und rechtskräftige Urteile der britischen Justiz sowie offensichtlich The heart of darkness, die berühmte Erzählung des mit ihm befreundeten polnisch-britischen Romanciers Joseph Conrad, die dessen Horror-Erlebnisse unter der extrem grausamen und ausbeuterischen Kolonialherrschaft König Leopolds in Belgisch-Kongo reflektiert.

Das Buch handelt erneut von kolonialen Affären, seinem Hauptinteresse, spielt überwiegend in Kongo und Peru, wo MVLl seinen Protagonisten, den britischen Diplomaten Casement, in die geradezu existentiellen Schrecken des Kolonialismus versetzt. Er entrollt anhand von dessen authentisch-dokumentarisch rekonstrierter beglaubigter Biographie ein grausiges Bild von Misshandlungen, entsetzlichen Strafen und ungehemmter Ausbeutung der Afrikaner, das sich Casement im dafür berüchtigten Belgisch-Kongo von Amts wegen verschaffte und darüber an die britische Regierung berichtete,wofür diese ihn in den erblichen Adelsstand erhob. Diese klagte Belgien vor der Weltöffentlichkeit auf Grundlage von Casements und Conrads Berichten wegen damals noch nicht justiziabler Menschenrechtsverletzungen an. Seine weitere diplomatische Karriere führte Sir Roger in das peruanische Iquitos im Amazonien, wo er noch schlimmere Kolonialverbrechen als in Belgien aufdeckte. Er berichtet, dass die indigenas ein wöchentliches, nie erfüllbares Soll von mehreren Kilo Kautschuk abliefern mussten für die expandierende Autoindustrie, und als Strafe wegen mangelnder Plaerfüllung , ausgepeitscht und verstümmelt wurde u.a. durch Abschneiden des Penis, auch wurden diesen Urmenschen wie Rindern mit glühenden Eisen die Initialen ihres Herrn in die Haut gebrannt. Der Ire erkannte bald, dass der kollektive Haupttäter eine britische Gummifirma war, die hinter den peruanischen Kautschukhändlern steckte, the Amazone company. Indios wie auch die Gummibäume wurden von der Company sukzessive ausgerottet. Ihm wurde wegen der selten erlebbaren Verbindung Kongo-Peru klar, dass der westeuropäische Kolonialismus als Ganzes ein System, ein Netzwerk kooperierender Konkurrenten war, eine Parallel-Connection, und kam zu der Entdeckung, dass auch Irland von den englischen Kolonialisten unterjocht wurde. Deshalb schloss er sich der irischen Befreiungsbewegung an, und riskierte für Irlands Unabhängigkeit auch eine Kooperation -kein Bündnis – mit den Deutschen, wofür er wegen Tätigkeit für eine feindliche ausländische Macht durch den Strang hingerichtet wurde kurz bevor die grüne Insel die Unabhängigkeit erhielt. Den öffentlichen Konsens zum Todesurteil erreichte die Staatsanwaltschaft durch Publikation von Casements Tagebüchern, aus denen bis in alle Details seine Homosexualität hervorging.

Elemente von Der Traum des Kelten fand ich nachträglich bereits in dem Text El hablador (1983), in dem er nach einem Aufenthalt in Amazonien von grausamer Bestrafung und brutaler Ausbeutung der Indios durch die Unternehmer und von unüberwindlichen kulturellen wie sprachlichen Differenzen zwischen indigenen und okzidentalen Peruanern spricht und die falschen Alternativen zwischen Belassen der Indios auf ihrem Land und Verzicht auf dessen wirtschaftliche Nutzung, ökologischer Landwirtschaft und Vertreibung der Indios, Schutz ihrer Identität und ihrem Anschluss an die westliche Zivilisation ohne eindeutiges „Nein“ und „Ja“ diskutiert.

Neu ist die Konfliktsituation Irland-England-Deutschland im ersten Weltkrieg.

Diese haarige, widerborstigste Geschichte, die Vargas Llosa als eine Kette unwiderleglicher Tatsachen präsentiert, ist unüberbietbar in ihrer Tragik und Ungerechtigkeit. Natürlich war Vargas Llosa wie sein Held auch vordergründig-pragmatisch an der Aufdeckung der in den Kolonien von den europäischen Schutzmächten und ihren einheimischen Adjunkten verübten monströsen Verbrechen wie auch an der Verhinderung weiterer interessiert. Doch neu ist gegenüber dieser relativ häufigen Thematisierung des klassischen Kolonialismus der Wechsel des europäischen Irlands aus der Mittäter- in die Opferrolle, womit MVLl andeutet, dass es wie in der Sowjetunion koloniale Unterdrückung auch innerhalb Europas gab.

Dennoch ist dies alles nicht sein eigentliches Thema, denn er ist gegen jede Tendenzliteratur mit der Intention direkter Einwirkung auf den Leser. Casement ist weder bloßer Mittelsmann zur Artikulation theoretischer Weltverbesserungsideen, die Vargas Llosa womöglich gar nicht selber hat, noch Demonstrationsobjekt moralischen Handelns, sondern trotz ihrer Authentizität rein funktional eine fiktive Figur, die ihr Erleben reflektiert wie jede literarische Person in einem ex-beliebigen Roman der Weltliteratur, und dies sowohl durch Handeln als auch durch Nachdenken realisiert. Die Realitätsschilderung ist nicht direkt für den Leser bestimmt, sondern für den Protagonisten, zeigt die Wirkung der vorgeführten hundsmiserablen Wirklichkeit auf den fiktiv funktionierenden wenngleich historischen Casement. Der Leser wird ihn daran messen, wie er sich menschlich bewährt, an seinem Modellfall abwägen, ob das Verhältnis Aktion-Reflexion sowie das des Individuums zu den Anderen proportional stimmt, und welche Opfer welchen Einsatz bis hin zum Extremfall des eigenen Lebens lohnt.

Meine sehr verehrten Damen und Herren: abschließend möchte ich wie im Vortragswesen allgemein üblich wieder auf meinen Anfang zurückkommen, den Widerspruch zwischen Mythos und Rationalismus. Die indigenen wie afrolateinamerikanischen magischen Mythen waren Denkfiguren und Handllungsanweisungen, die aber wie bei dem guatemaltekischen Nobelpreisträger Miguel Angel Asturias auch Sehnsucht nach Freiheit, nach Befreiung von Kolonialismus und Imperialismus ausdrücken.

Aber die wahre Befreiungstat wurde von Rationalisten ausgeführt, in derenTradition Vargas Llosa steht. Die lateinamerikanische Denkkultur ist sogar überwiegend von Rationalisten im cartesianischen Geist vorangetrieben worden: Rationalisten waren eminente Denker des 17. Jahrhunderts wie die beiden Mexikaner Don Siguenza y Gongora und die dichtende und philosophierende Nonne Sor Juana Ines de la Cruz, vielleicht die weltbedeutenste Dichterin ihres Jahrhunderts mit realivitätsschwangeren utopischen science-fiction- Dichtungen über fiktionale Flüge in den Kosmos und in die Zeit der Erbauung der Pyramiden vor Jahrtausenden; Rationalist und Aufklärer war auch der mit Alexander von Humboldt befreundete und zusammenarbeitende kolumbianische Naturforscher Mutis, der aufklärerische Jesuitenpater José Gumilla mit seinem regionalhistorisch-naturkundlichem Werk El Orinoco Ilustrado, wobei „Ilustado“ außer auf die beigefügtgen Illustrionen auch auf die Aufklärung, spanisch Illustration, anspielt, der radikalaufklärerisc ecuadorianische Mediziner, Hygieniker und Satiriker Santa Cruz y Espejo, die philosophisch mit der französischen Aufklärung bestens vertrauten venezolanischen Staatstheoretiker der Unabhängigkeit Simón Bolívar, Simón Rodríguez und Andrés Bello, Gründer der Universidad de Chile, sowie der argentinische Pädagoge und Kulturologe Domingo Faustino Sarmiento aus dem 19. Jahrhundert und dessen Landsmann und Dichter Jorge Luis Borges aus dem 20. Säkulum. Rationalismus ist also eine honorige lateinamerikanische Tradition, in die sich Vargas Llosa einreiht, und keineswegs nur europäische Leihgabe französischer, englischer und deutscher Philosophie.

Vargas Llosa schrieb auch intelligente Essays über die heute dominierende Trivialkultur mit dem Titel La civilización del espectaculo, die eine Diskussion vielleicht noch mehr lohnten als meine Ansichten über das Leben und ein Paar Bücher dieses unbestritten großen, aber nicht unumstrittenen Autors. Aber dann würden wir unseren auf eine Stunde limitierten Zeitfonds gewaltig überziehen. Also: Schluss jetzt!“

Peter B. Schumann

Peter B. Schumann im Gespräch mit Prof. Dill

 

Im Anschluss tauschten sich Prof. Dr. Dill und Peter B. Schumann, moderiert von Dr. Werner Würtele (LAF), über die literarische und politische Persönlichkeit dieses umstritten-anerkannten Nobelpreisträgers aus.

Prof. Dill ist seit 1994 Mitglied des LAF. Er gehörte mehrere Jahre dem Präsidium an. Er ist auch Mitglied der Freunde des IAI