Körperliche Dekolonisierung – Über das Potential des Körpers in der politischen Bildungsarbeit als Motor für sozialen Wandel. Veranstaltungsbericht von Julia Große am 18.02.2016.

“Nicht denken, sondern Fühlen“ – Unter diesem Motto stand die von Coral Salazar Torrez und Mauricio Pereyra Morales durchgeführte Präsentation der Arbeitsmethoden von Compa e.V. >>Download

Die Comunidad de Productores en Artes (COMPA) ist die Gemeinschaft schaffender Künstler_innen in Bolivien und existiert seit über 20 Jahren als Ort an dem sich verschiedene Künstler_innen zusammenfinden um im gemeinsamen kreativen Schaffen das Zusammenleben zu stärken. Die Gemeinschaft ist ein Ausdruck für die Suche nach einem anderen Leben, ein Versuch, die Vision einer freiheitlichen Gesellschaft, bei der Teilhabe, Basisdemokratie und Solidarität im Zentrum stehen, wiederzubeleben und weiterzuentwickeln. Compa Berlin entstand 2012 und setzt sich zum Ziel, die Erfahrungen aus Bolivien in Deutschland bekannt zu machen und weiter zu entwickeln.

Ausgehend von den Erfahrungen des postkolonialen Bolivien und der Auswirkungen des Kolonialismus und Kapitalismus, entwickelte Iván Nogales von Compa die Methode (kein Konzept!) der De-Kolonisierung des Körpers. Anhand körperlicher Erfahrungen sollen soziale Fragestellungen und Probleme bearbeitet werden. Der Körper ist dabei das zentrale Moment der Philosophie von Compa, da sich alle sozialen Erfahrungen in unseren Körper einschreiben und ihn zum Erinnerungsort machen. Gleichzeitig ist er aber auch Ort des Ausdrucks mit dem Potential soziale Veränderungsprozesse anzustoßen.
In Lateinamerika, Afrika und Asien hat der Kolonialismus bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Ausbeutung, Unterdrückung und die Schaffung sozialer, geschlechtlicher und ethnischer Hierarchien führten zu Ausgrenzung, Rassismus und Diskriminierung und verursachte Angst, Scham. Kurzum eine Kolonisierung des Körpers. Gleichzeitig setzte sich die eurozentrische Wissensproduktion als universelle globale Form der Erkenntnisgewinnung durch. Der Geist und die Vernunft stehen dabei im Zentrum. Der Körper rückt in den Hintergrund und dessen Erfahrungen werden als nicht relevant eingestuft. (Anm. WW: doch schon bei den alten Griechen und Römern hieß es: mens sana in corpore sano – „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“.
Ebenso ist der globale Norden von der Kolonisierung und dessen Kontinuitäten geprägt. Auch in unsere Körper haben sich die kolonialen Bedingungen eingeschrieben. Das kapitalistische System entwickelte sich wesentlich durch die kolonialistische Ausbeutung der „Peripherie“. Unsere Körper leiden unter dieser Kolonisierung, die von Erfolgsdrang und Konsumzwang, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, charakterisiert ist. Gleichzeitig existieren ebenso soziale Ausgrenzung und Benachteiligung, die auf Kategorien wir Herkunft, sozialer Klasse, Geschlecht, Alter usw. beruhen, und die Körper einem Regime unterwerfen.

Dekolonisierung

(Foto: ©LAF Berlin e.V.)

Diesen Zustand möchte Compa mit der Methode der De-Kolonisierung des Körpers aufbrechen.
Die Methode besteht auf fünf Ebenen:
1. Wiederherstellung des Ajayu (der Seele, Würde): bezieht sich auf das individuelle und kollektive Wohlbefinden
2. Suche und Finden des/der Anderen: durch Theater und weitere Methoden wird ein kollektiver Diskurs der Körper hergestellt
3. Wandern in die Mitte: Infragestellung von Zentrum und Peripherie, Zentrierung des Selbst
4. Wiederkehr der Ganzheit: keine Hierarchie zwischen Kopf und Körper. Körper und Geist in Einklang bringen
5. Räume des kollektiven Wohlbefindens: in den Workshops werden Räume der Befreiung geschaffen
Ziel der Methode ist es, die individuellen und kollektiven Geschichten der Körper freizulegen und sich von den Zwängen zu befreien, um zu einer seelischen Reinigung zu gelangen. Durch die Befreiung von den gesellschaftlichen Zwängen soll die Würde wiederhergestellt werden. Der Körper lernt durch die verschiedenen Methoden der Theaterarbeit, der Clownerie sowie weiterer körperlicher Methoden zu sprechen und die sozialen Erfahrungen auszudrücken.
Dies ist aber keine rein individuelle Erfahrung der Befreiung, sondern eine kollektive. In der Gruppe werden die Erfahrungen der Anderen kennengelernt. Dabei ist nicht immer verbale Kommunikation von Bedeutung. Auch wenn keine gemeinsame Sprache existiert, wird durch den Körper kommuniziert und so Verständigung hergestellt. So entstehen neue Formen der Kollektivität. Insbesondere In Deutschland, das sich stark durch Individualismus auszeichnet, sei der Fokus auf die Gemeinschaft und das Kollektiv wichtig.
Sozialer Wandel ist dann möglich, wenn eine Erneuerung der Beziehung zwischen Körper und Geist stattgefunden hat sowie neue Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft entwickelt werden (sozialer Wandel vollzieht sich mit Sicherheit auch anderswie!). Alltägliche Routinen und Zwänge werden durchbrochen, die Körper beginnen sich durch eine bewusste Auseinandersetzung mit den inkorporierten Unterdrückungsmechanismen von diesen loszulösen.

Praktische Erfahrungen mit dieser Methode in Deutschland konnte Compa bereits vielfältige sammeln. Insbesondere wurden Workshops und Projekttage mit Kindern und Jugendlichen an verschiedenen Berliner Schulen durchgeführt. Dort setzten sich die Kinder und Jugendlichen beispielsweise durch die Methoden des Theaters über ihre Situation und Zukunft auseinander. Dabei werden Themen wie Differenz/Ausgrenzung und Lebenschancen auf spielerische Weise bearbeitet. Ein weiteres großes Projekt ist das der Stadt der Zukunft, bei dem Jugendliche aus Bolivien und Berlin zusammenkamen um gemeinsam ausgehend von ihren Erfahrungen aus El Alto und Berlin gemeinsame Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Ebenso führt Compa Workshops zu der Ästhetik, Methoden und Grundsätzen der körperlichen De-Kolonisierung für Multiplikatoren_innen der Kinder- und Jugendarbeit und der Erwachsenenbildung durch.

Weiterführende Informationen:
Compa Blog: >>
Die Publikation „La Descolonización del Cuerpo“ von Ivan Nogales für €10,00 ist bestelltbar unter: >>
Kurzdoku Die Stadt der Zukunft: >>
Doku über Compa Bolivien: >>

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