Von geflüchteten Juden, Alt-Deutschen und Nazis in Bolivien – auf der Spurensuche mit Juliana Ströbele-Gregor, LAF Veranstaltung am 30.3.2017

Am 30.03.17 durfte das Lateinamerika-Forum Berlin e. V. Dr. Juliana Ströbele-Gregor zum Thema „Von geflüchteten Juden, Alt-Deutschen und Nazis in Bolivien“ in einem gut gefüllten Saal – über 60 Gäste – begrüßen.  Als Tochter des ersten deutschen Botschafters war Juliana 1952 nach Bolivien gekommen. Sie besuchte die Deutsche Schule, freundete sich mit der Tochter von Klaus Barbie, alias Altmann an. Zur deutschen Kolonie in La Paz verbindet sie seither eine besondere, eine zu tiefst persönliche Geschichte.

Juliana Stroebele-Gregor

Juliana Ströbele-Gregor

Vor einem kritischen Publikum mit profunden Kennern lateinamerikanischer Geschichte, für welche die LAF-Veranstaltungen berüchtigt sind, ist es natürlich schwer, den Ansprüchen eines jeden gerecht zu werden. In einem knapp anderthalb stündigen Vortrag ist es nicht möglich, auf alle Aspekte der Migrationsgeschichte und ihrer verschiedenen Akteure einzugehen, doch brachte der Abend selbst für die erwähnten Kenner/innen so manch neuen Einblick und einige Aha-Erlebnisse.

Frau Ströbele-Gregor leitete souverän durch den Abend, präsentierte ihre wissenschaftlichen Recherchen und gewann das Publikum mit ausführlichen Schilderungen aus ihrer Kindheit in Bolivien.

Wenn man ihren Vortrag auf einen Punkt bringen möchte, könnte man sagen, dass die deutsche Migration mit ihren wichtigsten Strömungen, der sog.  alt-deutschen, jüdischen und der nationalsozialistischen, eine spannungsvolle und konfliktgeladene Geschichte in Bolivien bewirkte, welche bis heute zu spüren ist.

Publikum

Kritisches Publikum

So monierte Frau Ströbele-Gregor die bislang mangelhafte selbstkritische Aufarbeitung deutscher Siedlungsgeschichte in Bolivien am Beispiel der Deutschen Schule in La Paz. Eine ehemalige Lehrerin der Schule betonte dagegen, die Schule hätte die Nazi-Zeit inzwischen weit hinter sich gelassen. Ein Angehöriger der deutschen jüdischen Gemeinde von La Paz – Zeitzeuge der 40er/50er Jahren des letzten Jahrhunderts – ergriff das Wort, ergänzte den Vortrag, widersprach aber auch etwa bei der Einschätzung des Parteiprogramms der MNR als faschistoid. Zum Schluss meldete sich noch eine indigene Bolivianerin zu Wort und beklagte, dass die Situation der Ayamara-Frauen keine Rolle gespielt hätte. Wir nehmen dies als Anstoß für eine weitere Veranstatung.

Der Vortrag nahm zum größten Teil eine retroperspektivische Haltung ein, doch wurden von einigen Zuhörern die Aussagen der Referentin irrtümlich auf die heutigen Verhältnisse übertragen. Nicht immer fühlte sich Frau Ströbele-Gregor vom Publikum richtig verstanden. Nach wie vor scheinen die historischen Wunden einer deutschen Migrationsgeschichte im südamerikanischen Staate Bolivien nicht vernarbt.

Das besondere des Abends war die gelungenen Paarung von wissenschaftlicher Recherche mit persönlich Erlebtem von einer kompetenten Referentin vor einem kritischen, erfahrenen Publikum. Die Veranstaltung machte Lust auf thematische Fortsetzungen. Und auf die Lektüre des Buchs Spurensuche  in den Anden: Von  geflüchteten Juden ,“Altdeutschen“  und Nazis  in  Bolivien, Autorin Juliana Ströbele-Gregor, das in nächster Zeit erscheinen wird.

Von Gideon Elfgen  (Praktikant)

Fotos: Bernd Schulze

Zur Geschichte der deutschen Einwanderung

Zur Geschichte der deutschen Einwanderung

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Schlaglichter aus dem Vortrag

  • Der aus Biblis stammende Zinnbaron Hochschild, der in wenigen Jahren zu einem der reichsten Männer Boliviens geworden war, unterstützte finanziell die rund 10.000 nach Bolivien geflüchteten Juden. Er wird deshalb auch der bolivianische Schindler genannt.
  • Von der vormals großen jüdischen Gemeinde in La Paz ist heute nicht mehr viel übrig. Die meisten verließen Bolivien aus geographisch-kulturellen Gründen, wanderten nach Israel und USA aus oder gingen nach Argentinien.
  • Die eingewanderten Juden leisteten einen sehr wichtigen nachwirkenden Beitrag zur Entwicklung der Wirtschaft und zur Kultur des Landes, siehe Verlagswesen, Orchestergründungen etc. unterstrich Frau Ströbele-Gregor.
  • Wie gespannt das Verhältnis heute noch ist: Ein früherer deutscher Botschafter berichtete bei der Veranstaltung, wie er vor gut 15 Jahren zuerst beim Volkstrauertag der deutschen Gemeinde eine Rede hielt und dann auf Einladung anlässlich eines jüdischen Gedenktags an die Opfer des NS-Regimes. Diese Einladung missfiel einem Teil der jüdischen Gemeinde (anscheinend den aus Ost-Europa Eingewanderten). Durch seine Ansprache konnte der Botschafter die Spannungen etwas lockern.