Viacrucis Migrante – Interview mit Regisseur Hauke Lorenz über Migranten in Mexiko

  1. Welche persönliche Verbindung haben Sie zu Mexiko und den Migranten, bzw. welche Vorerfahrung in diesem Bereich hatten Sie schon? Wie kam es zu der Themenwahl?

Im Rahmen meines ersten Studiums habe ich ein Jahr in Toluca studiert. In einem Seminar zum Thema Menschenrechte stieß ich auf das Thema. Damals gab es kaum Veröffentlichungen zur Südgrenze Mexikos und ich habe mich entschlossen, Feldforschung in Tapachula zu machen. Das ist ziemlich nah an der Grenze zu Guatemala. Die geflüchteten Menschen und Migrant_innen, die ich damals kennengelernt habe, habe ich nie vergessen. Diese Begegnungen waren Anlass, mich Jahrelang in einer Gruppe bei Amnesty International zu engagieren.

Alberto José Noé

2014 habe ich ein Social Media Seminar an der Hamburg Media School belegt und mich mit den Organisationen vor Ort vernetzt, die ich ja schon kannte. In der Karwoche fand der Viacrucis Migrante statt und von Tenosique aus startete eine Karawane, die Mexiko Stadt in 10 Tagen erreichte, ohne aufgehalten zu werden. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wieso konnten diese Menschen ohne Kontrollen passieren? Hatten die Beamten Respekt vor dem Kreuz, dass vorweg getragen wurde? Seit wann organisiert die Kirche Demonstrationen und bezieht so deutlich Position für die Unterdrückten?

Da ich keinen Dokumentarfilm fand, rief ich den Franziskanerpater Tomás an und fragte ihn, ob ich den nächsten Kreuzweg drehen könnte. Er stimmte zu. Da alle folgenden Karawanen brutal aufgehalten und abgeschoben wurden, wurde der Viacrucis Migrante des Jahres 2015 ein anderer und bewegte sich innerhalb der Stadt Tenosique. Für den Film war das nicht so schlimm, die Geschichten der Personen waren dieselben und der Dreh in Tenosique hat uns den Personen und der Migrantenherberge nähergebracht.

Viacrucis

  1. Wie sind Sie emotional mit der Arbeit vor Ort umgegangen, da die persönlichen Schicksale der interviewten Personen sicherlich nicht einfach zu verarbeiten sind?

Nein, die Schicksale sind nicht leicht zu verkraften. Teilweise haben die Protagonist_innen und ich in den Interviews angefangen zu weinen. Als ich die Interviews in der Schnittphase angeschaut habe, ist mir dasselbe passiert. Gleichzeitig bewundere ich die Energie dieser Menschen, die sie ja auch aus ihrem Glauben schöpfen. Bei allem persönlichen Erfolg ist mir eigentlich nichts anderes übrig geblieben, als mich für diese Menschen zu engagieren. Ich habe sie nun einmal kennengelernt. Natürlich hat sich mein eigener Umgang mit dem Film und den Vorführungen verändert. Nach einer Filmvorführung sagte mir neulich eine Zuschauerin, dass ich ziemlich abgebrüht sei. Eine Freundin kommentierte, dass man das sonst gar nicht aushalten könne.

Ich denke, dass es ein riesiges Problem ist, dass wir so abgestumpft gegenüber all dem sind, was derzeit in Mexiko oder im und am Mittelmeer passiert. Die ganzen Toten sind Folge unserer Politik, Fray Tomás spricht von einer „economía de la muerte“. Das tödliche Wirtschaftssystem, dass auf Ausbeutung basiert, zwingt Menschen dazu, ihre Heimatländer zu verlassen. Verschiedene Nichtregierungsorganisationen beklagen, dass deutsche Firmen an struktureller Gewalt in Zentralamerika beteiligt sind. Es geht also nicht nur um Hähnchenschenkel, die wir nach Ghana exportieren sondern auch um Konzerne, die in Zentralamerika Staudämme bauen oder Politiker_innen die sich für das Assoziierungsabkommen zwischen der EU und Zentralamerika eingesetzt haben. Diese Profitgier und damit verbundene unmenschliche Ignoranz machen mich sehr wütend und haben mich dazu motiviert, diesen Film zu machen. Damit die Betroffenen eine Stimme bekommen.

  1. Gab es eine Person oder Geschichte, welche Sie besonders berührt oder beschäftigt hat?

Wunde Füße

Ja klar, alle. Irgendwann im Januar 2016 klingelte mein Handy, wir hatten den Film noch nicht gezeigt. Die Tochter eines Protagonisten rief mich über Whatsapp von Honduras aus an. Ihr Vater, der nach den Dreharbeiten von den USA aus abgeschoben wurde, hatte es wieder versucht. Diesmal hatte er die USA nicht erreicht, sondern war bei einer Razzia der mexikanischen Bundespolizei vom Zug gefallen. Er verlor beide Beine aber hat überlebt. In den USA wollte er bei der Müllabfuhr arbeiten um seiner Tochter das Studium zu finanzieren. Das hat nicht nur mich berührt, sondern auch viele Kinobesucher. Mit Unterstützung der Zuschauer haben wir schon mehrfach Geld an seine Familie, aber auch an die La72 überwiesen.

  1. Welche Rolle spielen die mexikanischen Kirchen in der Migrationsdebatte in Mexiko bezogen auf die Migrationen aus Süd- und Zentralamerika Richtung USA?

Kirche gibt Schutz

Das ist eine gute Frage. Mein Eindruck ist dass einige Pater, Schwestern und Priester die einzigen sind, die humanitäre Hilfe möglich machen. Im vielen Migrantenherbergen und auch in der La72 – Hogar Refugio para Personas Migrantes (www.la72.org) in Tenosique, gibt es Ehrenamtliche und Organisationen die diese Arbeit unterstützen.

In einer Szene des Films beten Pater Tomás und Pater Aurelio. Sie verstehen sich als von Christen unterdrückte Christen, da ihre Unterdrücker auch zu Gott beten würden. Sie bitten Gott, dass er die Unterdrücker bekehren solle, sich auf die Seite der Armen zu stellen. Für mich drückt das eine tiefe Spaltung aus, die durch die Kirche und alle Institutionen und Gesellschaftsschichten geht.

  1. Welche regionalen Konsequenzen sehen Sie für die Orte und Regionen, wo Sie gefilmt haben, durch Trumps Mauer-Vorhaben?

Richtung Norden

Ehrlich gesagt, kann ich das nicht einschätzen und ich wüsste auch niemanden, der das könnte. Wir haben den Film mit Unterstützung eines Abgeordneten kürzlich im Senat in Mexiko gezeigt. Zunächst war das eine tolle Veranstaltung. Auch geflüchtete Menschen aus Zentralamerika waren anwesend und teilten ihre Gedanken und Erlebnisse. Als der Senator dann kam, waren wir überrascht, dass er Dinge sagte die dem Diskurs von Trump doch sehr ähnelten, Mexiko für die Mexikaner oder so ähnlich. Er fragte, wie man Arbeitsplätze für Geflüchtete aus Zentralamerika zur Verfügung stellen könne, wenn es nicht genug für die Menschen in Mexiko gäbe? Meiner Meinung nach verwehrt so eine Politik den Geflüchteten und ausgewanderten Menschen nicht nur ihre Menschenrechte; in Anbetracht des Umgangs, den sich Mexiko für die eigenen Staatsangehörigen in den USA wünscht, ist sie mehr als widersprüchlich. Die anwesenden Betroffenen sagten anschließend, dass sie das schon gewöhnt seien.

Zurück zu Trumps Mauer, die ist eigentlich schon da. Auch wenn Lücken geschlossen und Grenzanlagen noch höher werden, wird eine Mauer die Migration nicht stoppen können. Es wird nur immer teurer, gefährlicher und tödlicher werden, in die USA zu reisen. Die Mauer an der Grenze Guatemala-Mexiko gibt es nicht erst seit Trump. Es ist eine Mauer aus Menschen, zum Beispiel Polizisten die Jagd auf geflüchtete Menschen und Migrant_innen machen. Diese müssen sich auf immer verborgeneren Wegen fortbewegen, auf denen sie Opfer von Überfällen, Vergewaltigungen und Entführungen werden. Das ist dasselbe wie mit der Festung Europa. Afghanistan, Honduras und El Salvador sind keine sicheren Drittstaaten oder Transitländer. Wir brauchen legale Wege und keine Mauern oder Zäune

Zum Schluss würde ich gern noch ein bisschen Werbung machen:

  • Materialien und eine Online-Petition von Amnesty-International zum Weiterlesen gibt’s hier: http://www.ai-el-salvador.de/flucht-vor-gewalt.html
  • Inzwischen kann den man den Film auf DVD bestellen oder im Internet anschauen. Infos gibt‘s auf der Internetseite des Filmes: www.viacrucismigrante.com Für öffentliche Vorführungen bitte eine Lizenz über Verleih anfragen: www.diethede.de
  • Zusammen mit dem Landesinstitut für Lehrerbildung in Hamburg, erstelle ich gerade ein didaktisches Begleitmaterial zum Film. Es wird Ende des Jahres erscheinen. Infos gibt’s in meinem Newsletter, der unter www.haukelorenz.de bestellt werden kann.

Die Fragen stellte Gideon Elfgen (Praktikant)

Den Dokumentarfilm „Viacrucis Migrante“ (2015, OmdU) zeigten Cinema for Peace, Friedrich-Ebert-Stiftung und Lateinamerika-Forum Berlin e.V. am 18. Januar 2017  im ACUD-Kino in Anwesenheit des Filmregisseurs. Viacrucis Migrante wird auch auf dem Ev. Kirchentag Ende Mai in Berlin zu sehen sein.

Fotos: Hauke Lorenz

By | 2017-10-11T20:22:33+00:00 April 8th, 2017|Allgemein, Mexiko, VA bezogener Beitrag|0 Kommentare

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