Politik
Samstag, 29.12.2018
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Die Narben der Goldgräber

Der illegale Abbau von Metallen und Mineralien bedroht das Ökosystem im Amazonas-Gebiet. Eine neue Studie zeigt das erschreckende Ausmaß.
Von Tjerk Brühwiller

Zerstörte Natur:Sicherheitskräfte patrouillieren vor einer illegalen Mine im brasilianischen Bundesstaat Para.

SÃO PAULO, im Dezember. Der illegale Bergbau ist kein isoliertes Problem in Amazonien. Er ist fast überall anzutreffen. Tausende Glücksritter sind in Brasilien, Venezuela, Peru oder Kolumbien auf der Suche nach Gold, Diamanten und anderen Bodenschätzen und gehen dabei mit immer schwererem Gerät ans Werk. Sie lassen im sensiblen Ökosystem des Regenwaldes tiefe Narben zurück und kommen dabei den Naturschutzgebieten und Indianerreservaten immer näher – wenn sie nicht schon eingedrungen sind.

Nun hat eine großangelegte Studie von Wissenschaftlern und mehreren Organisationen aus Bolivien, Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Peru und Venezuela erstmals das gesamte Ausmaß des illegalen Bergbaus in Amazonien erfasst. Über anderthalb Jahre arbeiteten die Experten des 2007 gegründeten „Amazonischen Informationsnetzwerks für sozioökologische Georeferenzierung“ (Raisg) an einer Kartierung des illegalen Bergbaus in der Amazonas-Region. Sie trugen Informationen aus allen Ländern der Region zusammen und werteten Satellitenbilder aus. Auf diese Weise bestätigten sie die Existenz von mindestens 2312 Standorten und 245 weiträumigeren Gebieten, in denen illegal Gold, Diamanten und andere Bodenschätze gesucht oder gefördert werden. Zudem machten sie dreißig Flüsse aus, die von den Aktivitäten direkt betroffen sind.

Spitzenreiter der Studie ist das krisengeschüttelte Venezuela, wo sich fast 1900 der illegalen Minen befinden, gefolgt von Brasilien mit mehr als 450 und Peru sowie Ecuador. Für die Amazonas-Regionen Kolumbiens und Boliviens beschränkt sich die Kartierung auf die betroffenen Gewässer. Surinam, Guyana sowie Französisch-Guyana wurden nicht berücksichtigt.

Die Kartierung fundiert nun wissenschaftlich, was bereits seit längerem bekannt ist: Das Goldfieber ist zurück in Amazonien. Die treibende Kraft hinter dem illegalen Bergbau ist vor allem der Goldpreis. Als der Markt nach dem Ende der Sowjetunion mit Gold überschwemmt wurde, lag der Goldpreis lange auf einem sehr tiefen Niveau. Das änderte sich von 2005 an und vor allem nach der Finanzkrise von 2008. In Brasilien beispielsweise hat sich der Wert des Goldes seit 2010 mehr als verdoppelt. Für ein Gramm Gold erhält ein Schürfer derzeit rund 35 Euro. In großer Zahl haben sich die Goldgräber wieder am Amazonas-Nebenarm Rio Tapajós niedergelassen, einer Region, die schon früher als „Eldorado“ galt. Nach Schätzungen der brasilianischen Bundespolizei gelangen aus den illegalen Minen jährlich rund sieben Millionen Tonnen mit Quecksilber und anderen giftigen Substanzen verschmutzte Sedimente in den Fluss. In Venezuela hat der Goldrausch noch dramatischere Ausmaße angenommen und im Orinoco-Becken bewaffnete Konflikte ausgelöst, die in den vergangenen drei Jahren mindestens hundert Tote gefordert haben.

Das Becken des Orinoco nimmt rund zwölf Prozent des venezolanischen Amazonas-Gebietes ein. Die Regierung in Caracas hat das Gebiet in Zonen unterteilt, um Förderkonzessionen zu vergeben. Es handelt sich dabei um einen Versuch, die Goldproduktion zu steigern und Devisen ins Land zu bringen, die wegen des Zerfalls des Ölpreises und der sinkenden Produktivität des Erdölsektors knapp geworden sind. Doch in den Konzessionsgebieten existieren unzählige illegale Minen. Die Armee wurde damit beauftragt, die Gebiete wieder unter die staatliche Kontrolle zu bringen.

Der illegale Bergbau in Amazonien macht nicht halt vor Schutzgebieten und Indianerreservaten: 55 der 649 Naturschutzgebiete sind von den Aktivitäten direkt betroffen.

Auch in Kolumbien ist die Situation nach dem Abzug der Farc-Guerrilla sehr unübersichtlich geworden. In den einst von ihr kontrollierten Regionen Amazoniens streiten sich kriminelle Gruppen um die Kontrolle. Dabei geht es nicht mehr nur um den Kokainhandel, sondern immer öfter auch um den illegalen Bergbau, der sich zu einem nicht minder lukrativen Geschäft entwickelt hat. Und ebenso wie der Drogenhandel ist die Kontrolle dieses Geschäftes mit Blutvergießen verbunden.

Der illegale Bergbau hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Das Problem sind dabei weniger die Glücksritter, die irgendwo im Wald draußen mit primitiven Mitteln um ihr Überleben kämpfen, sondern die Minen, in denen mit großem Aufwand und unter Einsatz von schwerem Gerät Mineralien abgebaut werden. An einigen Orten kommen nicht mehr nur Hochdruckspritzen zum Einsatz, sondern auch Bagger und andere schwere Maschinen. Auch Flussläufe werden teilweise durch den illegalen Bergbau verändert. Der zunehmende Einsatz von schwerem Gerät hat auch die Arbeitsweise und die Hierarchien in den Camps verändert. Anstelle der Einzelkämpfer oder kleinen Gruppen funktionieren die illegalen Minen heute zusehends in einem Besitzer-Angestellten-Verhältnis.

Die Kartierung des Raisg zeigt auch deutlich, dass der illegale Bergbau in Amazonien nicht haltmacht vor Schutzgebieten und Indianerreservaten. 55 der 649 Naturschutzgebiete sind von den Aktivitäten direkt betroffen, etliche durch den illegalen Bergbau in unmittelbarer Nähe bedroht. Auch in 37 Reservaten für die indigene Bevölkerung Amazoniens wird Bergbau betrieben. In dieser Statistik führt Brasilien mit 18 betroffenen Reservaten die Liste an. Eines der Urvölker, die am stärksten unter dem illegalen Bergbau leiden, sind die Yanomami, deren Territorien sich über Brasilien und Venezuela erstrecken. Seit Jahren dringen illegale Goldsucher in die Territorien ein.

Während einer Aktion der brasilianischen Armee im vergangenen Jahr wurde eine ganze Goldgräberstadt mit rund tausend Goldgräbern im Gebiet der Yanomami ausgehoben. Die Armee fand einfache Häuser, Läden und selbst einen Schönheitssalon und stellte Tausende Liter Benzin, Waffen und Boote sicher. Allein in diesem Camp wurden schätzungsweise sieben Millionen Euro im Monat umgesetzt.

Die Verbreitung des illegalen Bergbaus verdeutlicht, wie schwierig es ist, den fast sieben Millionen Quadratkilometer großen Amazonas-Raum, der sich auf insgesamt neun Länder erstreckt, wirksam zu überwachen. Gerade in den Grenzgebieten bieten sich den Goldgräbern viele Schlupflöcher. Findet beispielsweise eine Aktion der Armee wie jene im Yanomami-Gebiet statt, setzen sich die Goldgräber nach Venezuela ab und warten, bis die Gefahr gebannt ist. Der Kampf gegen den illegalen Bergbau lässt sich nur grenzübergreifend führen. Das neue Kartenmaterial könnte dazu hilfreiche Informationen liefern.

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