Am 29.06.2020 um 14:49 schrieb Luiz Ramalho:

Jether Ramalho

NACHRUF auf JETHER RAMALHO

Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

Ich bin traurig Euch mitzuteilen, dass Jether Pereira Ramalho, mein Vater, gestern, am 28. Juni 2020, 97jährig verstorben ist.

Viele von Euch/Ihnen kannten ihn persönlich, viele wussten von ihm und seinem Wirken. Er war ein mutiger, ein großzügiger Mensch, für mich, meine Familie und für viele andere ein Orientierungspunkt.

Viele Eindrücke, die kennzeichnend sind für sein Leben und den Mut, mit dem er Brüche wagte, gehen mir durch den Kopf:

Mit 40 Jahren, Frau und 4 Kindern gab er seinen lukrativen, aber ungeliebten Beruf als erfolgreicher Zahnarzt auf und begann ein Studium der Soziologie. Er schloss es ab und es war die Grundlage, um später als Soziologieprofessor mit Schwerpunkt Religionssoziologie zu arbeiten. Als Professor an der IFCS-UFRJ (Bundesuniversität von Rio de Janeiro) half er dann in den 1970er und 1980er Jahren während der Militärdiktatur, einige kritische Generationen von Sozialwissenschaftlern auszubilden.

Für uns Kinder legte er damit die Latte hoch, als Heranwachsende gegen einen Vater zu rebellieren, der selbst Student war und dessen kritische Kommilitonen bei uns ein und aus gingen.

Zu den Dingen, die er nachträglich immer als Glücksfall betrachtete war die Tatsache, dass eine politische Karriere daran scheiterte, dass er mit wenigen Stimmen 1958 den Einzug in den Stadtrat von Rio de Janeiro verfehlte.

Weniger politisch war er trotzdem nicht. 1964 wurde sein berufliches Engagement in der Konföderation der Evangelischen Kirchen Brasiliens beim Militärputsch abrupt durch den Druck der Lutherischen Kirche beendet. Er wurde entlassen. Aber in der Folge schaffte er – der ewige Moderator des kirchlichen Dialoges – erste Ansätze eines ökumenisch geprägten Netzwerks, das später in der zivilgesellschaftlichen Organisation CEDI mündete. Aus CEDI entstanden zwei der aktuell bedeutenden NGOs in Brasilien, die COINONIA in Rio und das ISA in Sao Paulo.

Über Jahrzehnte gab er die Zeitschrift „Tempo e Presenca“ heraus, deren Schwerpunkt auf der kirchlichen Basisarbeit, der Theologie der Befreiung, sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und politischen Organisationen lag und war im Vorstand mehrerer Nichtregierungsorganisationen.

Seine Akten bei dem DOPS, der politischen Polizei der Militärdiktatur sind umfangreich. Er galt, so liest man daraus, wegen seiner Verbindung ins Ausland als für die Diktatur besonders gefährlich und „sollte streng überwacht werden“. Aber diese Verbindungen nutze er 1970 mutig, als er sich mit meiner Mutter Lucilia für einige Zeit in die USA absetzte und dem Senator Ted Kennedy in Washington geheime Zeugnisse über die Folter in Brasilien übergab. Die ersten Belege, die einer Öffentlichkeit im Ausland zukamen.

Er nutzte die Kontakte auch, um gefährdete Personen nach Uruguay zu schmuggeln oder Geld und Kleidung für Menschen im Untergrund zu organisieren.

Neben der Universitätswelt war die kirchlich geprägte Zivilgesellschaft sein Zuhause. Die Kirche bot damals ein Dach für die Organisierung des Widerstands gegen die Militärdiktatur. Und er lernte die Bedeutung der Ökumene, des Zusammengehens von Evangelischer und Katholischer Kirche im Widerstand kennen und gehörte zu den Denkern der Theologie der Befreiung. Befreundet mit Kardinal Paulo Arns aus Sao Paulo, mit Bischöfen wie Dom Tomas Balduino oder Dom Pedro Casaldaliga sowie den Befreiungstheologen Leonardo Boff, waren Jether und meine Mutter Lucilia ständige Gäste der jährlich tagenden katholischen Bischofskonferenz.

Auch war er im Auftrag, des Weltkirchenrates (Zusammenschluss der Evangelischen Kirchen) in ganz Lateinamerika unterwegs, um ein Netzwerk progressiver evangelischer Christen zu schaffen, eine Zeitlang von Genf aus, wo er u.a. mit seinem Freund Paulo Freire zusammenarbeiten durfte. Mehr denn je vermisst man ihn heute in der Rolle desjenigen, dem es gelang auch evangelikalen Kirchen theologisch und politisch progressiv einzubinden!!

Er war ein tiefgläubiger Christ, der mit Respekt andere Religionen begegnete, insbesondere afrobrasilianischer Herkunft, und sah seine Rolle insbesondere im evangelischen Milieu, aus dem er ursprünglich kam und in dem er verwurzelt blieb.  Ihm war es besonders wichtig, evangelische Christen nicht in die moralirisierende, intolerante Ecke abdriften zu lassen.

Hätte er und meine Mutter Lucilia, die bereits vor drei Jahren starb, das heutige – mit besonderer Unterstützung evangelikaler Kirchen beförderte – Aufkommen von Bolsonaro mitbekommen, ihre Herzen wären gebrochen. So blieb er bettlägerig in den letzten Jahren in seiner eigenen Welt und erlebte diese politische Wendung nicht bewusst mit.

Über seinen Freund Gilberto Carvalho, Sekretär im Präsidialamt von Präsident Lula da Silva behielt er einen direkten Draht zu Lula, den er gelegentlich nutzte. Er sympathisierte von Anfang an mit dem Partido dos Trabalhadores, mied aber den direkten Eintritt in die Politik trotz häufiger Einladungen.

Ich bewunderte ihn als hervorragender Redner. Mir fällt z.B. sein Auftritt vor 2000 Vertreterinnen und Vertreter der katholischen Basisgemeiden in den 80er Jahre ein: er konnte Begeisterung auslösen und klare Botschaften rüberbringen. Vielleicht hat er dieses Talent schon sehr früh entdeckt, denn bereits in den 50er Jahren betrieb er eine Radiosendung am frühen Morgen, heute würde man das einen „evangelischen“ Podcast nennen.

Aus sehr bescheidenen Verhältnissen kommend hat er uns, seine Kinder , mit evangelischer Ethik und einem ausgeprägtem Aufstiegsdenken erzogen, das zum Glück durch seine Wandlung zum Studenten und Soziologen und durch das Wirken meiner Mutter abgemildert wurde. Trotzdem blieb die Pflichterfüllung als Ehemann, als Vater und Bürger in allen sozialen und beruflichen Bereichen, in denen er tätig war, eine Konstante. Er wollte und er machte durch sein Wirken einen Unterschied.

Mein Vater blieb immer in den sozialen und politischen Ereignissen seiner Zeit präsent, er lebte ein Leben, das von politischer Kohärenz zugunsten einer gerechteren und besseren Gesellschaft geprägt war. Vor allem aber war er ein Optimist, der an die Veränderbarkeit der Welt glaubte und Familie und Freundschaften sehr ernst nahm.

Er wird eine große Lücke im Leben seiner Kinder und deren Partnerinnen, seinen Enkelkindern, Urenkeln und ihren unzähligen Freundinnen und Freunde hinterlassen. Drei Jahre später folgt er seiner Frau Lucilia, seiner treuen Begleiterin und Antreiberin in einer Partnerschaft, die von Liebe, und Großzügigkeit und der Fähigkeit geprägt war, in einer Zeit großer sozialer Kontraste und politischer Herausforderungen mutig zu leben.

Wir vermissen beide sehr.

Luiz Ramalho
(Mitglied des Lateinamerika-Forums Berlin e.V.)

Weitere Nachrufe

https://koinonia.org.br/noticias/por-uma-koinonia-e-a-presenca-ecumenica-e-servico-jether-presente/7582

Carta Capital: https://www.cartacapital.com.br/blogs/em-memoria-de-jether-ramalho-um-evangelico-raiz/