Seit zwei Jahren reist Mendel Hardemann mit seinem Lebenswerk durch europäische Städte. Mit sich führt er nicht nur den Film über Canudos, sondern auch das gesamte nötige Equipment, Bilder, Gegenstände und persönliche Geschichten. Am 7. April stellte Mendel seinen Film im LAF vor.

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Mendel berichtet vom Überlebenskampf im Sertao (Foto: ©LAF Berlin e.V.)

Das Ur-Canudos wurde Ende des 19. Jahrhundert vom Pilger Antonio im mythenreichen Sertão, einer im Nord-Osten Brasiliens von extremen klimatischen Bedingungen geprägten Landschaft, gegründet. Mit seinen Anhängern – vor allem ehem. Sklaven aus Afrika, Indigene und arme Landarbeiter, Marginalisierte und Kriminelle – sollte es ein neues Leben weg von Ausbeutung hin zu Solidarität sein. Kirche und Staat sahen sich jedoch in ihrer Legitimation bedroht und in ihrer Autorität herausgefordert, sodass sie die Stadt und ihre Bewohner/-innen militärisch gegen anhaltenden Widerstand vernichteten und zerstörten. Nur wenige überlebten (vgl. auch Mario Vargas Llosa, Der Krieg am Ende der Welt).

Die Prophezeiung Antonios „Das ausgetrocknete Land wird zum Meer“ sollte sich 70 Jahre nach der Zerstörung Canudos an Antonios Geburtstag erfüllen. Ein Staudamm wurde auf Initiative der Regierung gebaut und ließ den Ort im Wasser versinken. Doch Ende der 1990er Jahre war die Trockenheit wieder so extrem, dass  Teile der alten Stadt wieder auftauchten. Noch immer ist das Hauptthema im Sertão der Wassermangel.

Der Film schlägt den Bogen über die unglaubliche Geschichte eines magischen und geschichtsreichen Ortes zu den Leuten, die die Utopie Antonios unter tiefer Gottgläubigkeit weiter leben, das heißt bis hin zum anhaltenden Überlebenskampf der heutigen sertanejos. Hier reicht die emotionale Spannweite vom Mitgefühl für die Frau, die auf Grund von ernährungsbedingten Mangelerscheinungen ihr Kind nicht vernünftig stillen kann, über große Sympathie für eine über 90jährige Dichterin, hin zu tiefer Bewunderung gegenüber einer über 70jährigen Frau, die sich ihre Arbeit bestimmt nicht aus der Hand nehmen lassen würde. Mendel Hardemann und Susanne Dick lassen sie alle in diesem mehr als eindrucksvollen Film zu Wort kommen.

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Erinnerung an Antonio Conselheiro und Antonio “Alemao” Wolfgang Knoch (Foto: ©LAF Berlin e.V.)

Die Regisseure entwickelten über sieben Jahre hinweg eine besondere Nähe zu den Bewohnern Canudos’. Und so war es klar, dass sie ihren Film den Bewohnern und Hauptdarstellern (2015) zeigen mussten – für sie der erste Film ihres Lebens, den sie sahen. Das einzige, was dazu nötig war, war eine weiße Wand, an die die Regisseure ihren Film projizieren konnten und Strom.

In diesem Sinne reisen die beiden nun auch durch Europa, um mit dem Film als Reisendes Kino mehr Leuten einen Einblick in das Leben im Sertão zu geben. Im Gespräch nach dem Film gab der Regisseur zu erkennen, welche tiefe Zuneigung und welch tiefen Respekt er für die Menschen aus Canudos übrig hat. Dass sich dort Leute zusammengefunden haben, die ohne materiellen Reichtum und kaum von außen fremdbestimmt leben, mache einen nachdenklich über diejenigen Verhältnisse, in denen wir hier zu Lande leben.

Aus dem Publikum wurde angemerkt, dass man Armut nicht verherrlichen dürfe. Dem pflichtete Mendel Hardeman bei, nein gesundheits- und ernährungsbedingte Missstände dürften nicht beschönigt werden, das tue der Film auch nicht. Vielleicht kann dieser Film aber dabei helfen, Gedanken über das eigene Leben anzuregen. Es könnte ja tatsächlich sein, dass wir einige Dinge in unserer Gesellschaft so gewohnt sind und als normal gegeben ansehen, dass wir nicht merken, dass wir sie nicht mehr brauchen oder vielleicht sogar Schaden damit anrichten.

Der Film ist mehr als sehenswert. Mendel Hardemann ist zu wünschen, dass noch ganz viele Menschen ihn sehen – in Europa wie auch Brasilien.

Ein Rückblick von  Christian Buthmann, Praktikant.[/fusion_builder_column]